Demokratisierung
Die Digitalisierung hat auch in der Filmherstellung einige Änderungen mit sich gebracht. Die Bedingungen, die sich durch die digitale Revolution ergeben, ermöglichen teilweise einfacheres und kostengünstigeres Arbeiten für den Filmemacher. Mussten noch vor ein paar Jahren einige tausend Euro allein für die Miete der Kamera ausgegeben werden, so bekommt man heute für das gleiche Geld eine digitale Kamera zum Kaufpreis. Der Eintritt in die Welt des Produzierens ist aufgrund der leistbaren Produktionsmittel – zumindest theoretisch – absolut in den Bereich des Möglichen gerückt. Noch nie war es so einfach und günstig Filme herzustellen. Und vor allem für den Amateur ist es plötzlich leistbar geworden, Filme zu machen, die auch den professionellen, technischen Qualitätskriterien entsprechen bzw. ihnen sehr nahe kommen. In seinem Bestseller „The Long Tail“ schreibt Chris Anderson über die neuen Produzenten und drei Wirkungsmechanismen, die den Effekt des Long Tails bewirken. Der Long Tail besagt, dass, verbunden mit der Demokratisierung in Produktion und Vertrieb, die Summe aller Nischenprodukte in Zukunft wichtiger sein wird als die Summe der Hit-Produkte. Der Begriff Long Tail beschreibt in der Statistik eine Kurve, die am Kopf sehr steil ist, dann jedoch schnell abfällt und gegen Null geht, aber nie Null erreicht. Anderson beschreibt den Long Tail-Effekt wie folgt: In der Statistik werden solche Kurven zur Häufigkeitsverteilung „Long Tailed“ bezeichnet, weil der Schwanz der Kurve im Vergleich zu ihrer Spitze sehr lang ist, ein regelrechter Rattenschwanz. Ich konzentrierte mich auf diesen „Schwanz“, machte ihn zum festen Begriff, und der „Long Tail“ war geboren.[1]

The Long Tail [2

Die drei Wirkungsmechanismen des Long Tails [3
Instead of clearly delineated lines of authority, Wikipedia depends on radical decentralization and self-organization – open source in its purest form. Most encyclopedias start to fossilize the moment they’re printed on a page. But add Wiki software and some helping hands and you get something self-repairing and almost alive. A different production model creates a model that’s fluid, fast, fixable and free.[4]
Demokratisierung ist also der Inbegriff aller Aktivitäten, deren Ziel es ist, autoritäre Herrschaftsstrukturen zu ersetzen durch Formen der Herrschaftskontrolle von »unten«, der gesellschaftlichen Mitbestimmung, Kooperation und – wo immer möglich – durch freie Selbstbestimmung.[5]
Im Bezug auf Wikipedia und der sogenannten Demokratisierung des Wissens merkt Hans-Ulrich Wehler jedoch kritisch an, dass „die Bürger mit der Informationsflut nichts anfangen, wenn sie nicht gelernt haben, damit umzugehen. Sie müssen eine Auswahl treffen, interpretieren. Das setzt intellektuelle Fertigkeiten voraus, die mit dem technischen Zugang zu den Informationen nichts zu tun haben.“[6]
Zum anderen liegt die Stärke des Long Tails in der Breite des Sortiments. Der Online-Vertrieb ermöglicht enormes Sparpotential beim Verkaufsprozess, da durch die Digitalisierung keine Lager mehr benötigt werden. Filme oder Musik-CDs werden anstatt in räumlich begrenzten Geschäftslokalen auf Servern mit praktisch unbegrenzter Kapazität gespeichert. Durch eine spezielle Software wird die unendliche Datenmenge für den Kunden katalogisiert und aufbereitet. Hohe Mieten für Geschäftslokale und teure Transportkosten für Güter wie DVDs, CDs oder Bücher entfallen damit komplett. Dass der traditionelle Einzelhandel aufgrund der begrenzten Lagerfläche auf Bestseller setzt, erscheint logisch. Schließlich findet das 80:20-Prinzip[7] auch hier Anwendung: Mit 20 Prozent der Waren erzielt man 80 Prozent des Umsatzes und Gewinnes. Die restlichen 80 Prozent der Produkte fallen somit mangels Rentabilität meist durch und werden über herkömmliche Läden oft gar nicht vertrieben. Die Kraft des Long Tails sind laut Anderson nun aber genau diese 80 Prozent, da erstmals ein bisher nicht bedientes Nachfragepotential bedient werden kann. Lager- und Vertriebskosten von Online-Händlern tendieren gegen Null, daher kann ihr Sortiment unendlich viele Titel führen, ohne dass es zu Kostenexplosionen kommt. So listet Apples iTunes-Store zurzeit über acht Millionen Musik-Titel. Hier kann selbst Walmart, einer der größten traditionellen Händler der USA, mit 10.000 CDs in den Verkaufsregalen[8] bei weitem nicht mithalten. Der dritte Wirkungsmechanismus des Long Tails besagt, dass sich durch den digitalen Vertrieb die Form der Nachfragekurve verändert. Kunden, die Nischenprodukte schätzen und kaufen, werden dies öfter tun als bei Massenware, da es in Nischen durch die Vereinfachung der Distribution viel mehr ausgefallene, ihren Anforderungen entsprechende Produkte gibt. Und da diese Produkte besser ihren Vorlieben entsprechen, werden sie mehr davon abfragen. Die Form des Long Tails ändert sich also dahingehend, dass die Kurve am Beginn noch steiler wird und der Schwanz noch länger, und eben auch dicker. Die Bestseller und Top-Hits verlieren gegenüber den Nischenprodukten, laut Anderson das Ende der Blockbuster und die Chance der Amateure und unabhängigen Produzenten.

Die Form der Nachfragekurve verändert sich [9
[1] Anderson, Chris (2006): The Long Tail – Der lange Schwanz, 11 [2] Anderson, Chris (kein Datum): About Me. In: http://www.thelongtail.com/about.html (Stand: 12.12.2009) [3] Anderson, Chris (2006): The Long Tail – Der lange Schwanz, 67 [4] Pink, Daniel H. (2005): The Book stops here. In: http://www.wired.com/wired/archive/13.03/wiki.html?pg=2&topic=wiki&topic_set= (Stand: 05.05.2009) [5] Vilmar, Fritz (1973): Strategien der Demokratisierung. Band I, 102 [6] Ewert, Burkhard/Müller, Anja (2001.01.22.): Interview: Keine echte Revolution. In: http://www.handelsblatt.com/archiv/interview-keine-echte-revolution;452378 (Stand 12.02.2009) [7] Nach dem Pareto-Prinzip machen 20% der Kunden eines Unternehmens 80% des Umsatzes aus. 20% der Websites im Internet machen 80% des Datenvolumens aus. 80% der Verarbeitung in einem Computer wird durch 20% der Befehle abgearbeitet. [8] Anderson, Chris (2006): The Long Tail – Der lange Schwanz, 8 [9] Elberse, Anita (2008.07.29.): Das Märchen vom Long Tail. in: Harvard Business manager, 32
