Neue Finanzierungsformen
Die Digitalisierung hat ohne Zweifel die Produktion und den Vertrieb revolutioniert. Bei der Finanzierung von Projekten sind die Entwicklungen aber noch in den Kinderschuhen. Noch sind die Erlöse zu gering, dass sich dadurch entsprechende Finanzierungsformen herausgebildet hätten. Dennoch wurden neue Konzepte entwickelt bzw. sie sind einfach entstanden. „Crowd Financing” wird ein immer wichtigerer Aspekt bei der Finanzierung von Filmprojekten. Dabei werden die Kosten des Projekts auf viele einzelne Investoren verteilt, meistens Privatpersonen, die sogenannte Micro-Payments leisten. Dabei handelt es sich eigentlich um Spenden, denn es kann, muss aber keine Gegenleistung geben. Die sieht im besten Fall eine Gewinnbeteiligung vor, in den meisten Fällen wird jedoch die Nennung in den Credits oder eine DVD angeboten. Aber um das Verdienen geht es den Unterstützern sowieso nicht in erster Linie. Filme werden von Privatpersonen unterstützt, weil sie die Geschichte oder das Thema wichtig finden. Identifikation mit Ideen ermöglicht dadurch nicht nur die Herstellung des Films, es gibt den Filmemachern und Menschen die Möglichkeit eine politische Plattform zu schaffen. So konnten die britischen Do-it-yourself-Filmemacherinnen Lizzie Gillett und Franny Armstrong für ihren Dokumentarfilm „The Age of Stupid“ zuerst die Entwicklung, dann die Produktion und später den Vertrieb mit insgesamt 590.000 Pfund[1] finanzieren. Der Film behandelt die Auswirkungen der globalen Erwärmung und konnte mit dem Thema offensichtlich beim Publikum punkten. Mittlerweile läuft das Fund-Raising für eine „Not Stupid“-Kampagne rund um das Thema und den Film. Das Ziel von 450.000 Pfund scheint nicht mehr in weiter Ferne, knapp die Hälfte wurde bereits überwiesen. Mit „Celluloid Dreams“ hat der Film einen renommierten Weltvertrieb gefunden, weltweite Kinostarts sind ebenso fixiert.
Crowed Financing (oder Crowed Funding) ist nicht neu und Filmemacher sind keineswegs die Einzigen, die sich für diese Finanzierungsform begeistern können. US-Politiker bringen einen Großteil ihrer Wahlkampf-Budgets durch kleine Spenden aus dem Internet auf – Obama konnte alleine in Februar 2008 55 Millionen Dollar durch Crowd Funding einnehmen, 80 Prozent davon kamen aus dem Internet.[2]
Dr. Söoren Auer, Wissenschaftler am Computer- und Informationsfachbereich der Universität Pennsylvania, weist im taz.de-Interview auf ein Problem hin:
“Die Idee könnte zweckentfremdet oder missbraucht werden. Crowdfunding funktioniert, wenn man keinen großen Profit erzielt, sondern einem Bedürfnis gerecht werden wolle – dem Bedürfnis der Geldgeber. Schwieriger werde es, wenn es um die Finanzierung eines Films gehe: Da könne man vorher als Spender nicht wissen, ob man am Ende bekommt, womit man gerechnet hat.["3]
Filmproduzentin Lizzie Gillett dagegen sieht in Crowdfunding ein Zukunftsmodell. Ihr eigenes Filmprojekt sei schuldenfrei, daher müsse sie keinen Vertrag mit einem Verleiher erkämpfen. „So können wir ihn unabhängig verkaufen“, sagt sie – und sämtliche Profite würden dann „unter denen verteilt, die daran mitgearbeitet und ihn finanziert haben“. Crowdfunding, sagt Gillett, sei ein wirkungsvolles Werkzeug für Akteure in den unabhängigen Medien. Nicht nur finanziell seien die dann unabhängig – sondern eben auch inhaltlich.
„The Age of Stupid“ ist das Best-case-Szenario für Crowd Financing und wird deswegen auch gerne als Beispiel herangezogen. Die Schwierigkeit an dem System ist aber, genügend Unterstützer für sein Projekt zu finden. Hat man nicht gerade einen Star an der Hand, eine etablierte Marke oder ein Thema, das vielen Menschen am Herzen liegt, so kann die Bildung einer Fan- und/oder Unterstützergemeinde seine Zeit dauern. Dies wird von den Filmemachern im Rausch des möglichen Erfolgs oftmals übersehen. Je nach Höhe des Budgetbedarfs des Films kann es Monate oder sogar Jahre dauern, bis die Finanzierung geschlossen ist. Dies natürlich nur unter einer Voraussetzung, die bei Independent-Filmen schon immer gegolten hat: Entweder ist die Geschichte herausragend oder das Thema erregt Aufmerksamkeit. Durchschnittsware wird auch hier nicht zum gewünschten Erfolg führen.
Eine Plattform, die Micro-Finanzierungen über die Masse ermöglicht, ist Fundable.org. Diese wurde 2005 gegründet und gilt als einer der Pioniere auf dem Gebiet. Die Funktionsweise des Dienstes ist simpel, aber effektiv. Eine Person legt ein Projekt mit bestimmtem Budgetbedarf an und ersucht um finanzielle Unterstützung. Das kann z.B. im Bereich Film der neue Dokumentarfilm, der Erwerb einer Kamera, oder die Finanzierung der Postproduktion sein. Alles ist erlaubt. Auf der eigenen Website, im Blog oder im Social Network-Profil lässt sich über Banner und Buttons auf den Spendenaufruf verweisen. Interessierte Fans und Unterstützer können sogenannte „Pledges“ abgeben, sie sichern ihre Unterstützung mit einem von ihnen gewählten Betrag zu. Wird die Gesamtsumme des Projekts erreicht, werden die Beträge der Unterstützer eingehoben, und nur dann. Fundable übernimmt die technische und finanzielle Abwicklung und kassiert dafür 10 Prozent Provision. Die durchschnittlichen Projektbudgets liegen zwischen 500 und 3000 Dollar, mit durchschnittlichen Zahlungszusagen zwischen 20 und 50 Dollar.
Als Gegenleistung erhält man entweder eine DVD des fertigen Films, eine Nennung im Abspann oder auch einfach gar nichts. Manche Projekte bieten für entsprechende Unterstützung Team-Credits an, so ist oftmals der Produzenten-Credit für 5000 Dollar oder weniger zu haben:
Sich einen Credit zu erkaufen ist nichts Neues im Filmbusiness, oft werden Financiers, die mit der ausführenden Produktion nichts zu tun haben, als Executive Producer im Abspann genannt. Ebenso oft verzichten Star-Schauspieler auf einen Teil ihrer Gage, partizipieren dafür am Gewinn und erhalten im Gegenzug den Produzententitel.
So billig war der Produzententitel aber noch nie zu erwerben, auch wenn wohl ein kleiner Unterschied zwischen einer 10.000-Euro-Produktion und einem 10-Millionen-Filmprojekt bestehen dürfte.
Sellaband, Dropcash, Tipjoy, Chipin sind nur einige der unzähligen Systeme, die Geldbeziehungen zwischen Personen und Gruppen ermöglichen sollen. Der Filmemacher kann aber auch über Onlinebezahlsysteme wie PayPal oder Moneybookers selbst das Crowd-Funding übernehmen. Nirvan Mullick konnte für seinen Film „1 Second Film“ durch direkte Bezahlung auf seiner Website www.1secondfilm.com über 150.000 Dollar von 7.000 Unterstützern lukrieren. Für einen Dollar erhielt der Spender eine Nennung als Produzent. Erwähnenswertes Detail: Der 70mm-Film bestand aus einer Sekunde animierter Bilder mit anschließenden 90 Minuten Abspann.
[1] vgl. (kein Datum): In: http://www.ageofstupid.net (Stand: 04.05.2009)
[2] o.V. (2008.07.17.): Business – Crowed Financing. In: http://spoonfeedin.blogspot.com/2008/09/business-crowd-financing-gread.html (Stand: 02.03.2009)
[3] Wild, Sam (2008.02.04.): Filmfinanzierung per Serviettenskizze. In: http://www.taz.de/1/leben/film/artikel/1/filmfinanzierung-per-serviettenskizze/?src=SZ&cHash=043dba7a3b (Stand: 02.03.2009)
[4] o.V. (2009): Funable Online Fundraising. In: http://www.fundable.com/groupactions/groupaction.2007-10-12.8557526519/ (06.05.2009)
